Als Answer Code Request 2011 mit seiner EP „Subway Into” auf dem gleichnamigen Label Answer Code Requestaus dem Nichts auftaucht, ist das Gerede groß, wer sich hinter dem Namen verbergen könnte. Ist es ein weiteres Pseudonym von Shed aus dem Umfeld des Berliner Berghains, der angeblich bereits unter 13 unterschiedlichen Namen produziert?
Irrtum. Bis 2010 veröffentlicht Answer Code Request noch unter seinem bürgerlichen Namen Patrick Gräser eine Handvoll EPs auf kleinen Labels wie beispielsweise Magicbag Music aus Großbritannien. Schon damals ruft er sein eigenes Label NightsInGale ins Leben. Zusammen mit Mike Vamp von den Märtini Brös veröffentlicht er dort vor allem Techno-Produktionen. Mit neuem Label und Projekt legt der Berliner Produzent dann den Fokus auf Techno, der ganz in Warp-Manier auch auf komplexe und verspulte Rhythmen setzt.
Seine Jugend in den 1990ern verbringt Gräser in Fürstenwalde, einer Kleinstadt nahe Berlin, wo er regelmäßig die Partys von Marcel Fengler und Marcel Dettmann beschallt. Gemeinsam mit seinem Bruder lässt er an den Wochenenden die Tristesse des Berliner Umlands hinter sich: Tagsüber stöbert er im Kreuzberger Plattenladen Hard Wax und nachts treibt er sich auf Partys in Berliner Clubs wie dem E-Werk herum.
Auch 2011 ist die alte Party-Seilschaft noch aktiv. Der IDM-lastige Titel „Escape Myself” von Answer Codes Requests erster EP findet noch im selben Jahr Platz auf Dettmanns „Conducted”-Compilation und läßt Gräsers Vorliebe zu Breakbeats klar erkennen. Auch im Debütalbum „Code”ist sie deutlich präsent, das auf dem Berghain-eigenen Label Ostgut Ton erschienen ist. Das Album folgt der jüngst auf Ostgut Ton veröffentlichten EP „Breathe”, welche als Album-Teaser den gewohnt düsteren Berghain-Ton anschlägt.
Hitech-DNA aus Detroit-Techno, Warp-IDM und Basic Channel
Seit 2012 ist Answer Code Request als DJ und Live-Act fester Bestandteil des Berghain-Universums, veröffentlicht auf Marcel Dettmanns MDR-Label und gilt als frisches Gesicht des Berliner Clubs, dessen Sound sich durch Vielseitigkeit auszeichnet. Auch das Album „Code” kodiert diese Sound-DNA subtil und facettenreich. Ihre Bestandteile sind Breakbeat, IDM, Detroit Techno und der 1990er-Sound aus dem Berliner Basic Channel-Umfeld.
Das Intro “Code” schwebt in ruhigen Klängen über die erste Minute des Albums, bevor sich „Blue Russian” mit harten Kicks und surrenden Alien-Sounds über dem Hörer ergießt. Ebenso dramatisch wirkt „Field Depth”, das mit variabler, sinisterer Bassline überwältigt und auf der Answer Code Request Synthesizerklänge montiert und so den Bogen zu seinen UK-Einflüssen schlägt. „Status” dreht die Geschwindigkeit auf 128 BPM hoch und generiert einen vorantreibenden Beat, der durch Hi-Hats und schwirrende Synths an Schwere verliert.
Auf den 51 Minuten des Albums schafft Gräser eine Soundscape, die in dem spannungsreichen Wechselspiel dramatisch-stampfender Bässen und düster-ruhigen, teilweise beatlosen Tracks verschlüsselt Geschichten erzählt. Ohne Schwerkraft gleitet „Odyssey Sequence“ zwischen meditativen Ambient-Synths und unheimlicher Ruhe, die von schweren, metallenen Flügelschlägen durchzogen wird. Auch „Spin Off” schwebt mit sphärischen, fast sakralen Sounds ohne Bassline und Kick im Raum. Auf „Axif” ist die britische Sängerin Elizabeth Bernholz mit andächtig gehauchtem Kirchengesang zu hören, begleitet von einem beständigen Ticken und melodischen Flächen, die ein Gefühl der Rastlosigkeit vermitteln.
Answer Code Request übersetzt in seinen Tracks britischen und Detroit-Sound in seine eigene Sprache. Seine Klangwelt fühlt sich dabei fremd an, verschrobene Synths und bedrohliche Gänge verstellen Zugänglichkeit und verhindern pittoresken Kitsch. Ein gelungenes Album, wie ich finde.
“Code” ist auf Ostgut Ton erschienen.
(Foto: Flickr, “code crunching“, von Ruben Molina, (CC BY-ND 2.0))
Veröffentlicht am 12. Juni 2014 auf BLN.FM.