René Pawlowitz hat ein neues Album gemacht. “The Killer” ist purer Fokus auf das, was dem Berliner wichtig und relevant erscheint. Ein Sound, bei dem es ihm ziemlich egal ist, was der Rest der Welt davon hält, denn Musik, so sagt er, macht er vor allem für sich selbst.Für sein neues Album hat Pawlowitz seinen Shed-Alias wieder aus dem Schuppen geholt und sich ein neues Label gesucht. “Es ist immer blöd, wenn die Sache in Klammern hinter dem DJ oder hinter dem Spielenden größer ist als der des DJs. Mit dem Berghain-Label im Hintergrund ist man sehr schnell auf etwas festgelegt, auf eine Art von Musik. Man kommt nicht an das Publikum heran, was man eigentlich möchte.” Mit Monkeytowns 50 Weapons versucht er sich nun dem Branding des Techno-Tempels zu entziehen und eine neue Richtung einzuschlagen. Mit klarer Linie und gewohnter Souveränität entstand der Longplayer in nur wenigen Wochen im Frühjahr. “Ich habe eine Idee, setze sie um und dann ist der Track fertig. Es passiert eher selten, dass ich mich hinsetze und für etwas längere Zeit brauche oder einfach mal probiere und gucke was dabei rumkommt.Digital. Ein Computer. Fertig.” Es hat sich also nicht viel geändert. Mit dezidiertem Sound im Kopf produziert das spätentwickelte Technokind im Akkord weiter. Das Ergebnis ist gewohnt dunkel, kraftvoll und pulsiert auf halbem Weg zwischen Techno und Dubstep. Auch wenn er Ostgut Ton fürs Erste den Rücken gekehrt hat, scheinen seine Klänge nach wie vor den Hallen des Berghains entsprungen zu sein. “Das ist eigentlich genau Technomusik von vorne bis hinten, ohne sonderliche Ausreißer oder ohne zu viele verschiedene Sachen auf einem Album zu vereinen.” An Vielfalt mangelt es trotzdem nicht. Wo “Day After” markant und industriell daher kommt, weist “V10MF!/The Filler” verschwurbelte Synths auf, die von einer harten Kickdrum untermauert werden. “Cas Up” lebt dagegen fast ausschließlich von schwerelosen Flächen, die im Verlauf des Albums von der harten Bassline zurück auf den Boden geholt werden. Die auf seinem letzten Album “The Traveller” stets ausbleibende Bassdrum, die zwischenzeitlich von seinen anderen Aliasen verschluckt wurde, spuckt “The Killer” in aller Fülle zurück in die Spur. Auch wenn er einen Vergleich mit Detroit-Techno stets von sich weist, sind die akustischen Analogien klar erkennbar.
Ich bin dann mal weg
Zu skizzenhaft findet Shed jedoch in Retrospektive die Ansätze von “The Traveller”. “Da hätte man aus jeder Idee auch etwas mehr machen und es auf zwei Platten packen können. Vielleicht war das auch ein bisschen Verschwendung von Ideen, nicht homogen genug. Genau da schließt mein drittes Album jetzt an.” Das Cover-Artwork zeigt im Übrigen das fehlgeschlagene Vorhaben ein Soundsystem zu entwerfen. Als er 2004 seine erste Platte veröffentlichte, riefen Pawlowitz und sein Bruder das gemeinsame Projekt ins Leben. “Das war auch eigentlich alles cool, super Teile, nur irgendwann hat er vergessen, die einen fertig zu machen und schon wieder neu angefangen. Immer eine neue Art von Boxen. Zum Schluss war keine wirklich fertig und die verrotten jetzt.” Verschwendung? Vielleicht. Zumindest findet eine der Boxen nun ihren Platz. In Ambivalenz zu seinem Erfolg scheint der ehemalige Hardwax-Mitarbeiter den Geschehnissen in “Techno-Deutschland” überdrüssig. Als die Euphorie Ende der 90er abebbte, nahm er die Sache schließlich selbst in die Hand – stets den nostalgischen Klang von damals im Ohr. Ein bisschen verzweifelt versucht er sich nun von dem Rest der “Szene” abzusetzen. Der Wille, Musik nicht als Ware zu verkaufen und sich den Vorurteilen der einschlägigen DJ-Kultur zu entziehen, hat sich Shed zumindest vom Auflegen fast völlig verabschiedet. “Ich spiele manchmal noch und dann ist es auch okay, aber oft ist es einfach ermüdend. Man guckt sich selber zu: Jetzt nimmst du da den Bass raus, dann schiebst du den Crossfader rüber, jetzt mach ich den Bass rein. Dieses automatisierte Ding. Zumal die Musik auch nicht interessanter geworden ist, es ist so 1995 stehen geblieben. Aus mir wird kein DJ mehr.”
Multiple Choice
Ganz der Hardwax-Junge, versucht Pawlowitz den Mythos um seine Musik und seine verschiedenen Aliase aufrecht zu erhalten. “Ich versuche es für mich einfach interessant zu halten und wenn ich alle Platten unter einem Namen rausbringen würde, wäre die Sache jetzt schon erledigt, glaube ich.” Ein Track ist eben doch nicht nur ein Track. “Es macht immer noch Spaß eine neue Platte zu machen, wo nicht René Pawlowitz draufsteht, nur um mal zu schauen, was überhaupt passiert”. Der Verkauf einer Platte hängt zwar nicht zuletzt von den jeweiligen Tracks ab, ein Alias schafft jedoch ein gewisses Image, das er, einmal vorhanden, nicht mehr so schnell los wird. So hat sich Pawlowitz im Laufe der Jahre an die sieben Pseudonyme zugelegt, etwa als EQD, WK7 oder eben Head High, die alle unterschiedliche Richtungen verfolgen und eine musikalische multiple Persönlichkeit nicht ausschließen. Eine klare Trennung der Etiketten fällt ihm dabei bisweilen selber schwer: “Das verschwimmt manchmal so ein bisschen. Manche kennen zwar den einen Alias, aber den anderen nicht oder wissen zunächst nicht, dass ich es bin. Es ist immer wie ein Neubeginn, Diese 12”-Sachen, diese Head High (Head High “Rave”-EP), das ist ja eher für DJs. Es fängt mit einer Bassdrum an, dann hat er es auch nicht so schwer, der arme DJ.” Die Funktion und Clubtauglichkeit bleiben bei seinem Shed-Alias aus, so dass es auch weiterhin sein Hauptprojekt bleibt und das einzige, mit dem er in relativer Regelmäßigkeit Alben produziert. Ob weitere Aliase geplant sind, will er nicht verraten, dafür wird er diesen Sommer mit Marcel Dettmann und den Jungs von Modeselektor mit ihrem Liveprojekt A.T.O.L. präsent sein. Angefangen hatte es letztes Jahr, als sie zusammen beim Melt Festival auftraten. Wo er sich 2010 noch als Solokünstler betitelte, bereitet er sich jetzt auf die gemeinsamen Gigs in Polen und London vor. “Es ist schwierig, man muss sich darauf einlassen, aber es geht voran. Wir sitzen gerade häufig im Studio. Zu viert auf der Bühne zu stehen, finde ich schon cool. Vier Männer. Drei rauchende. Oh Gott!” Wofür A.T.O.L. steht, darf er natürlich nicht verraten. Er ist eben ein Buch mit sieben Siegeln.
Shed, The Killer, ist auf 50 Weapons erschienen.
(Foto: Flickr, “Records“, von Peat Bakke (CC BY 2.0))
Erschienen im De:Bug Magazin Nr. 164 im Juli/August 2012, S. 18-19.
Veröffentlicht am 27. September 2012 auf De:Bug.