Das Filter: Water Works – Geschichten aus Südafrikas (Wasser)krise – Teil 6

Lockdown

Wie ist die Corona-Situation in Südafrika? Julia Kausch hat mit dem Fotojournalisten Armand Hough gesprochen, der die Lage tagtäglich für Zeitungen und auf Instagram dokumentiert. Mit seinem Presseausweis gehörte er in den vergangenen Wochen zu den wenigen Menschen, die sich im Land frei bewegen konnten. Zwischen überfüllten Townships, improvisierten Lagern für Obdachlose, Suppenküchen und Polizeigewalt zeichnet er ein Bild der Überforderung. Die Folgen sind noch nicht abzusehen. Denn Südafrika ist ein Hotspot der besonderen Art.

Less than Zero: oder Tag -4, Montag, 23. März 2020

Die Zahl der Covid-19-Infizierten in Südafrika ist um 128 auf 402 gestiegen.

19.45 Uhr. Der Präsident ist zu spät. Ich sitze am Computer und warte, nun schon seit 15 Minuten, dass Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa am Podium erscheint. Er will der Nation mitteilen, wie das Land die Coronakrise bewältigen soll. Dauert noch, also: zurück zum Facebook-Tab, der Feed wurde geupdated. Nun zu sehen sind eine Reihe ominöser, dem Selbstoptimierungswahn folgende Artikel: Fit in der Quarantäne, die besten DIY-Projekte für zu Hause, Online-Sprachkurse, als wäre es nicht genug, dass sich ein Drittel der globalen Bevölkerung derzeit im Lockdown befindet. Anstatt Lockerung werden die Riemen nochmal richtig angezogen, sodass zum nächsten weihnachtlichen Familientreffen nicht nur das Sixpack und fünf neue Sprachen vorgewiesen werden können, Geschenke sind ab diesem Jahr nur noch in selbstgebastelter Form erlaubt, oder was hast du die ganze Zeit gemacht, während kollektiv jede(r) für sich allein die Produktivität um ein Tausendfaches angezogen hat? Die länderspezifischen Vorlieben hinterlassen klaffende Lücken: Wo Deutschland Jahresvorräte an Toilettenpapier hortet, kaufen Franzosen vor allem Wein, Italien ist mit Kondomen groß im Geschäft und in den USA, wie sollte es anders sein, haben viele den Waffenschrank aufgerüstet. „Auf den freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser“„People are afraid to merge on freeways in Los Angeles.”, schreibt Bret Easton Ellis da in „Less than Zero“ (Unter Null). Das galt natürlich schon immer und nicht nur für Los Angeles: Das metaphorisch-gesellschaftliche Einfädeln im Reißverschlussverfahren scheint jedoch nun mehr denn je der Rücksichtslosigkeit zu weichen.

Fenster zu, zurück zu Ramaphosa. Die Kamera flackert und der Präsident steht am Podium. Mit Echo verkündet er den 21-tägigen Lockdown des gesamten Landes: 57 Millionen Menschen, deren Lebenssituationen unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Quarantäne, so Ramaphos, gelte für alle, die keine Sondergenehmigung haben. „Individuen ist es nicht gestattet, ihre Häuser zu verlassen, außer unter streng kontrollierten Bedingungen: um medizinische Versorgung aufzusuchen, Essen, Medizin und andere Vorräte zu besorgen oder soziale Zuschüsse zu erhalten. Temporäre Notunterkünfte, welche den Hygienestandards entsprechen, werden für Obdachlose bereitgestellt“, erklärt er. Vier Tage habe die Nation Zeit, Vorräte zu besorgen und sich auf die bevorstehenden 21 Tage vorzubereiten. In diesem Zeitraum, so wird schnell klar, sollen keine Alkohol- oder Tabakwaren verkauft werden, sportliche Aktivitäten, die außerhalb des Hauses stattfinden, inklusive das Spazierengehen mit Hunden, sind streng untersagt. Wer keinen Garten hat, denke ich, dem wird im wahrsten Sinne des Wortes ans Bein gepisst. Ich lese die Kommentarleiste – 5.423 Menschen sehen den Livestream –, die in Quarantänezeiten im global village à la Marshall McLuhan ja nie fehlen darf. „Ich glaube, alle Sound-Engineers sind bereits ausgereist“, schreibt einer über die schlechte Tonqualität „Corona Virus started watching“, poppt an der Browserfensterseite auf. Zeit, den Livestream zu verlassen.

The Hunger Games: oder Tag 20, Mittwoch, 15. April

Covid-19 Fälle in Südafrika 2.506. Anzahl der bislang durchgeführten Tests: 90.515.

Das Land harrt seit 21 Tagen in einem der striktesten Lockdowns der Welt aus. Zeit, so erklären meine Freunde vor Ort, wird relativ. Natürlich ist das mittlerweile ein globales Phänomen. Memes zur Tageseinteilung nach Getränk im Behältnis – Wein oder Kaffee –, 300 Tage im März und 3 im April, Jogginghose 24/7.

20.30 Uhr, natürlich in Jogginghose: Die Sonne ist gerade untergegangen und ich starre auf den nun meine kleine Küche erleuchtenden Bildschirm. Ich bin mit Armand Hough verabredet, der noch auf sich warten lässt. Also neuer Tab und mal sehen, was er heute so erlebt hat. Armand arbeitet seit 15 Jahren als Fotojournalist. Die Stationen sind beeindruckend: Acht Jahre verbrachte er in Bahrain, Oman und Khobar in Saudi-Arabien, wo er, nachdem seine ursprünglichen Kund*innen aus dem Werbebereich geflohen sind, den Arabischen Frühling dokumentierte. Seit sechs Jahren ist er bei Independent Media angestellt, Schirmunternehmen der African News Agency – genauer als Picture Editor für die Zeitung „The Cape Argus“. Mit Presseausweis und Sondergenehmigung ist Armand einer der Wenigen, die sich in Südafrika außer Hauses bewegen dürfen. Um die Geschehnisse direkt auf die Bildschirme der Menschen zu bringen, lädt er seit 21 Tagen täglich Stories bei Instagram hoch, die seine Erlebnisse festhalten. Das Leben in Zahlen, auch hier in binären Einsen und Nullen codiert, übermittelt durch Glasfaserkabel, die sich durch die Ozeane ziehen, scheint unter COVID-19 den Zenit erreicht und in der absoluten Vernetzung jeglichen Bezug zur Realität verloren zu haben.

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