Fischen nach Fischen – eine Konservations-Konversation
Das südafrikanische Westkap etwa so groß wie Griechenland, und dennoch verbucht die Region nur rund zehn Prozent der Landmasse Südafrikas für sich. Sand, Meer, Wildtiere: Die Gegend nördlich von Kapstadt ist ein Hotspot – vor allem für neue Geschäftsmodelle der Lebensmittel-Produktion mit Schwerpunkt auf Fischzucht. Aber: Einfach ist das alles nicht. Denn wo Aquakulturen ein Zukunftsversprechen sind, stören Umweltschäden das wirtschaftliche Wachstum. Julia Kausch hat sich mit Kevin Schmidt unterhalten. Der Taucher arbeitet für „Anchor Environmental“, eine Beratungsfirma, die Gutachten über den Status Quo des Ökosystems erstellt. Gemeinsam mit der Regierung und allen anderen Beteiligten soll ein zukunftskompatibler Fahrplan entwickelt werden für die verantwortungsvolle Ausbeutung der Region. Die Frage, die alle beschäftigt: Woher kommt die ganze Scheiße?
Es ist Sommer 2020, Anfang Februar. Die Welt, zumindest an Südafrikas Westkap, scheint noch die letzten Züge der Normalität zu genießen. Im weißen Land Rover fahren wir, ein Freund und ich, auf der R27 gen Norden in Richtung Paternoster. Der kleine Fischerort liegt etwa zwei Autostunden von Kapstadt entfernt. Der Küste folgend, vorbei an Melkbosstrand und Koeberg, Grotto Bay und Jakkalfontein, gibt es nicht viel zu sehen: Dünen zur Rechten, links das Meer, hier und da läuft ein Strauß durch die Landschaft. Wir passieren Atlantis, das ebenso menschenleer erscheint und dessen eigentlicher Schatz unter den Dünen nur zu erahnen ist: eine der größten Sandwasserleitern am Westkap – Meer, Dünen und Abwasser im Einklang. Scheinbar zumindest. Denn immer wieder hört und liest man von Scheiße, die direkt in das Meer gepumpt würde. Festgehalten in oxymoron-traumhaften Luftaufnahmen von Naturschutzfotograf Jean Tresfon: Die dunkelgrünen Wolken in türkisblauem Wasser à la Bob Ross erwecken zwar kitschiges Postkartenfeeling, führen jedoch bei längerem Nachdenken zu Würgereiz. Das Grün ist dem Abwasser zu verdanken. Wie Dr. Jo Barnes der Universität Stellenbosch Cape Talk erklärt, werde das Wasser nicht hinreichend gefiltert, dafür aber an verschiedenen Stellen auf Schadstoffe getestet. Das alles erkennen wir aus dem fahrenden Auto nicht, unterhalten uns jedoch angeregt über mögliche Ursachen. Korruption, undichte Leitungen oder Nachlässigkeit seitens der zuständigen Behörden? Womöglich macht hier die Mischung das Gift.
Kaltes, klares Wasser?
Vier Monate später. Ich sitze in einer kleinen Holzhütte in Ericeira, einem Surfer- und Fischerort Portugals. Die Welt ist nun vollends lahmgelegt, befindet sich im kollektiven Limbo und alle Flüge, so also auch meiner nach Südafrika, wurden gecancelt. Dort wurde der Lockdown, einer der härtesten der Welt, Anfang Juni von Stage 4 auf Stage 3 gesenkt. Weil Online weiterhin das neue Offline bleibt, klicke ich auf das ozeanblaue Zoom-Logo in meiner Task-Leiste und öffne das zuvor festgelegte Meeting. Nach wenigen Minuten erscheint eine Teilnehmeranfrage in der Liste: Kevin Schmidt versteht sich auf die Ökosysteme der Meere, arbeitet in Südafrika, stammt jedoch aus den USA. Diese Lebenseckdaten werden bei Zoom zwar (noch) nicht angezeigt, doch lässt die jüngste Datafizierung und Technisierung keinen Zweifel daran, dass junge und alte Internetriesen hier auf ihre Kosten kommen und sich die neue Informationsflut nicht entgehen lassen. Es flackert kurz und Kevins Gesicht taucht auf meinem Bildschirm auf. In einen dicken, grauen Wollpullover eingewickelt, strahlt er mir entgegen. Es ist Winteranfang in Südafrika, also Sommeranfang auf der Nordhalbkugel – wenigstens das. Weil eine Krise die vorherige ja bekanntermaßen in den Köpfen vieler ungültig macht, ist die Sache mit dem Wasser jetzt vielleicht auch einfach scheißegal. Hauptsache 20 Sekunden Händewaschen und dabei das Wasser laufen lassen. So läuft es jetzt? Not so much, erklärt Kevin, zumindest nicht in Südafrika. Zwar sei gerade Winter und damit langersehnte Regenzeit am Westkap, die Wasserkrise jedoch keineswegs vorüber und Wasser in Zeiten von Corona umso wichtiger.
„Ich musste beim Auftauchen Windeln, Q-Tips und Chips-Packungen aus dem Weg schieben.“
Die Holzhütte und mein blaues Blumenkleid verleihen meinem Zoom-Fenster einen Touch von David Lynch, das jetzt im krassen Kontrast zu Kevins weiß gestrichener Küche steht: rustikal gegen gleißenden Himmel, Sommer gegen Winter. Aber: In der Scheiße sitzen wir alle, wie er zu bedenken gibt. Stimmt. Wie also steht es mit der Scheiße um die Halbinsel des Westkaps? „Viele meiner jüngsten Tauchgänge drehten sich um das Thema“, erklärt Kevin. „Die bekannten Fotos stammen von Drohnenaufnahmen der Abwassermündungen, die im Nachhinein bearbeitet wurden, damit das Ganze noch schlimmer aussieht. Ich selbst bin in dieser Abwasserwolke getaucht und es ist zugegebenermaßen absolut widerlich. Ich musste beim Auftauchen Windeln, Q-Tips und Chipspackungen aus dem Weg schieben.“

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